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„Was will denn ein Buddhist hier?“ – Erfahrungen in der Bibliodrama-Ausbildung (Grundmodul)

Mit dieser Frage wurde ich in der ersten Vorstellungsrunde der Ausbildung von einer Teilnehmerin konfrontiert.
Hier einige meiner Antworten: ich bin hier, um:

  • den Austausch mit den anderen TeilnehmerInnen der Ausbildung (PastorInnen, ReligionspädagogInnen, DiakonInnen…) als christlich-buddhistischen Dialog an der Basis zu führen, was ich als sehr bereichernd, inspirierend und spannend erfahren habe
  • den wertvollen Schatz an Methoden und Fertigkeiten im Umgang mit Texten zu erfahren und anzuwenden
  • die Übertragbarkeit des Bibliodrama-Ansatzes auf andere Weisheitstexte und speziell auf buddhistische Lehrtexte (Sutren) zu prüfen
  • meine (Wieder-)Entdeckung der Bibeltexte zu vertiefen und erneut ihre Schönheit und Weisheit wertzuschätzen.

Meine spirituelle Suche
Ich wurde als Kind katholisch-apostolischer Eltern getauft, bin aufgewachsen in evangelischem Umfeld, nach dem Tod meines Vaters zusammen mit Mutter und Bruder zur katholischen Kirche konvertiert (in die Franziskanische Gemeinschaft), und schließlich als Jugendlicher aus der Kirche ausgetreten. Es folgte eine intensive spirituelle Suche, die mich zunächst zum Hinduismus Gandhis führte, dann aber auch zu ersten Kontakten mit dem Buddhismus. Wichtig war (und ist) mir das Engagement für Frieden, Versöhnung und Ökologie („Bewahrung der Schöpfung“), und ich habe in Religionen immer Antworten auf aktuelle politische und gesellschaftliche Fragen gesucht. Engagierte ChristInnen (sowohl katholisch als auch evangelisch) inspirierten mich und verdeutlichten den Unterschied zwischen den Dogmen der christlichen Kirchen und dem, was sie unter Nachfolge Jesu verstanden. Dennoch bekam ich von ChristInnen letztendlich keine für mich schlüssige Antwort auf meine spirituellen Fragen.
Ich bin angekommen, ich bin zu Hause
Im Jahr 2000 nahm ich an einem Bibliodrama-Seminar zum christlich-buddhistischen Dialog teil. Ein Text aus dem Lotos-Sutra und ein Bibeltext begegneten sich im Textraum des Bibliodramas. Hier entdeckte ich sowohl den Bibliodrama-Ansatz als auch Thich Nhat Hanh, den vietnamesischen Zen-Meister. Ein Jahr später erlebte ich Thay, wie Thich Nhat Hanh von seinen SchülerInnen genannt wird – es bedeutet einfach „Lehrer“ – , auf einem Retreat in Deutschland und nahm „Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha“, wurde also –  wenn man so will – „Buddhist“. Je länger ich den buddhistischen Weg praktizierte, um so interessanter und wichtiger wurden mir meine christlichen Wurzeln. Bald entstand in Gesprächen mit Andrea Brandhorst, bei der ich seitdem immer wieder einmal an Bibliodrama-Seminaren teilnahm, eine Idee, die ich „Dharma-Drama“ nannte. Das Dharma ist im Buddhismus die Lehre, die Buddha (der „Erwachte“) nach seiner Erleuchtung über 40 Jahre lang gepredigt hat, also vergleichbar mit der Bibel.
Buddhistische Liturgie kann auch langweilig sein
Nach meiner Erfahrung ist eine häufige Vorgehensweise in der Begegnung mit einem buddhistischen Lehrtext die Rezitation des Textes (vergleichbar der Lesung im Gottesdienst) und die Auslegung durch einen Lehrer (vergleichbar der Predigt). Eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Text wird eher abgelehnt, vielmehr kommt es auf die Kontemplation über den Text an, auf Meditation, Achtsamkeitspraxis und auf das unvoreingenomme Lauschen des Dharma-Vortrages, der eher wie „warmer Regen“ mit allen Sinnen aufgenommen als kritisch-intellektuell verarbeitet werden soll. Durch die Erfahrungen mit bibliodramatischen Methoden war mir diese Form der Hermeneutik bei buddhistischen Texten nicht mehr ausreichend, es fehlte mir dabei die lebendige eigene Begegnung mit dem Text und vor allem mit anderen Menschen im gleichen Textraum.
Dharma Drama
„Am besten machst Du eine Bibliodrama-Ausbildung.“ Diesen weisen Rat gab mir Andrea, als ich ihr wieder einmal von meiner Vision des Dharma-Drama erzählte. Es dauerte dann doch noch ein paar Jahre, bis ich die Ausbildung begann. So fand ich mich ein wenig als „Exot“ unter PastorInnen, ReligionspädagogInnen, DiakonInnen und sonstigen evangelisch-theologisch gebildeten TeilnehmerInnen im Bibliodrama-Grundmodul bei Hermann und Andrea Brandhorst wieder.
Im Verlauf der Ausbildung, bei der ich lernte, mit Bibliodrama-Mitteln einen Bibeltext auszuwählen und aufzubereiten, versuchte ich zunehmend, dies auf buddhistische Lehrtexte anzuwenden. Dabei machte ich eine für mich interessante Entdeckung:
Die Bibel beinhaltet viele Geschichten voller Dramatik, Beziehungen, sozialer Gegensätze, Unterdrückung und Verfolgung, Streit, Krieg, Versöhnung. Es agieren Männer und Frauen, Eltern und Kinder, Arme und Reiche, Mächtige und Marginalisierte – das „volle Leben“ also – ideal für das Bibliodrama.
(Es gibt in der Bibel auch viel „Stroh, Holz und Heu“ und viele Texte handeln über Gebote und Gesetze, was einen bibliodramatischen Umgang schwierig macht.)
Buddhistische Lehrtexte, so wie ich sie bisher in der Tradition von Thich Nhat Hanh kennengelernt hatte, lassen diese Dramatik, diese Vielfalt der handelnden Personen, Orte und Beziehungen oft vermissen. Es gibt zwar viele Gleichnisse zur Veranschaulichung der Lehre, aber der Fokus liegt oft auf der intrapersonalen Dramatik und seltener auf dem Drama und der Dynamik von menschlichen Beziehungen – meist sind Mönche die angesprochene Zielgruppe.
Wie kann ich bei solchen Texten mit Bibliodrama-Methoden das „weiße Feuer“ zum Lodern bringen?
Anhand des Römerbrief 8, 31-39 lernte ich dann, mit bibliodramatischen Methoden auch eher abstrakte Begriffe zum Leben zu erwecken. Das machte mir Mut. Ich versuchte mich am „Sutra über die Fünf Arten, den Ärger zu beenden“, wählte ein bestimmtes Gleichnis aus diesem Sutra und verband das Ganze mit den Erkenntnissen und Methoden der „Gewaltfreien Kommunikation“ nach M.B. Rosenberg und deren Vorschlägen zum Umgang mit Ärgersituationen. Dabei wurde schnell die „Frohe Botschaft“ des Lehrtextes deutlich: „Jemand, dessen Worte und körperlichen Handlungen nicht freundlich sind und in dessen Herz nichts ist, was man Freundlichkeit nennen kann, ist jemand, der tiefes Leid erfährt. Wenn er keinen guten spirituellen Freund findet, wird er keine Möglichkeit haben, sich zu verändern und in die Bereiche des Glücklichseins einzutreten. Wenn Ihr so denkt, werdet ihr fähig sein, euer Herz in Liebe und Mitgefühl für diese Person zu öffnen.“ Verschiedene bibliodramatische Methoden ließen sich nun leicht auf diesen Text anwenden. Ich erarbeitete ein Dharma-Drama-Seminarkonzept und führte es erfolgreich durch. Die Dokumentation des Konzeptes sowie der zweimaligen Durchführung mit unterschiedlichen Zielgruppen und Rahmenbedingungen wurde mein Abschlussprojekt für das Grundmodul.
Hilfreich war auch ein Gespräch mit Gerhard Marcel Martin, der bereits Erfahrungen gesammelt hatte mit „Sutra-Drama“ – wie er es nennt. Im „Sutra über die Vier Verankerungen der Achtsamkeit“ – einem buddhistischen Grundlagentext – geht es u.a. um die „Betrachtung des Geistes im Geist“. Marcel regte an, den im Sutra-Text angesprochen „hasserfüllten Geist“, den „verwirrten Geist“, den „gesammelten Geist“, den „zerstreuten Geist“, den „ausgedehnten Geist“, den „engen Geist“, den „höchsten Geist“, den „konzentrierten Geist“ und den „befreiten Geist“ mit bibliodramatischen Mitteln zu personifizieren und agieren zu lassen.
Allmählich erschloss sich mir das Potenzial bibliodramatischer Methoden im Hinblick auf Weisheitstexte allgemein. Meine Vision begann, lebendig zu werden.
Christlich-buddhistischer Dialog und gemeinsame Praxis
Es kam noch eine weitere Erfahrung hinzu, mit der ich gar nicht gerechnet hatte. Während der Ausbildung arbeitete ich natürlich mit den anderen TeilnehmerInnen zusammen an Bibeltexten. Meine „buddhistische Sicht“ ließ mich manche christlich-theologische Grundannahmen nicht verstehen und so hinterfragte ich manches, um es zu verstehen – was zu spannenden Gesprächen „über Gott und die Welt“ führte. So wie ich bereichert wurde durch ein tieferes (Neu-)Verständnis der Bibeltexte, so bereicherte ich wohl die anderen evangelisch-theologisch gebildeten TeilnehmerInnen mit meinen Fragen (z.B. zum Themenkomplex „eigenes Gottesbild“) und mit der aus dem Zen-Buddhismus kommenden Achtsamkeitspraxis bei allen Alltagsverrichtungen, z.B. von der Herrichtung des Seminarraums für die Abschlussandacht bis zur gemeinsamen Essmeditation. Je näher wir uns kennenlernten, umso klarer wurden die Gemeinsamkeiten von Christentum und Buddhismus (trotz unterschiedlicher Formen und Rituale – die bei genauem Hinsehen oft gar nicht mehr so unterschiedlich waren), aber auch die Unterschiede, die wir jedoch gut respektieren konnten.
So kann ich es mir inzwischen sehr gut vorstellen, „als Buddhist“ ein Bibliodrama zu einem Bibeltext durchzuführen, oder den Dialog an der Basis fortzusetzen durch die Begegnung eines christlichen und eines buddhistischen Textes. Dabei sehe ich verschiedene Möglichkeiten, im Spannungsfeld „Gemeinsamkeiten und Unterschiede“ zu agieren:

  • beide Texte vermitteln die gleiche „frohe Botschaft“, aber mit ganz unterschiedlichen Geschichten, Bildern, Landschaften usw. So erscheint mir z.B. die Bergpredigt (Matthäus 5-7) als die Essenz vieler Lehrreden des Buddha.
  • beide Texte arbeiten mit ähnlichen Bildern, Gleichnissen oder Themen, kommen aber zu unterschiedlichen Botschaften (z.B. die Gleichnisse vom verlorenen Sohn bei Lukas 15, 11-32 bzw. im Lotos-Sutra, Kap. IV)
  • Denkbar und sicherlich inspirierend ist auch ein Bibliodrama mit einem buddhistischen Lehrtext und engagierten und offenen ChristInnen als Zielgruppe.

 

 

(dieser Artikel wurde u.a. veröffentlich in der Ausgabe 35 der Zeitschrift „TextRaum“ der Gesellschaft für Bibliodrama)