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„Auf riskantem Weg…“ – Ein Erfahrungsbericht aus buddhistischer Sicht

Ende März 2011 fand in Bielefeld der Bibliodrama-Vertiefungskurs „Spirituelle Praxis im christlich-buddhistischen Dialog“ statt. Die Leitung hatten Marcel Martin, emeritierter Professor für Praktische Theologie mit jahrelangen Kontakten zur Otani Universität in Kyoto und profunder Kenner des Jōdo-shin-shū Buddhismus in Japan, einer Schulrichtung des „Reinen-Land-Buddhismus“; sowie Andrea Brandhorst, eine langjährige Freundin und zusammen mit Hermann Brandhorst Ausbilderin im „Bibliodrama-Grundmodul“. Ihr Bibliodrama-Ansatz, ihre Methodik und ihr spiritueller Hintergrund haben mich während der Ausbildung und darüber hinaus inspiriert und ermutigt, mich immer wieder als „Buddhist“ im Rahmen von Bibliodrama-Seminaren in den Dialog mit Theologen und Religionspädagogen zu wagen. Dieses Wagnis führte immer zu großer Bereicherung – auf beiden Seiten.
Ich selbst bin sowohl in evangelischer als auch in katholischer Tradition aufgewachsen und war einige Zeit in der evangelischen Jugendarbeit tätig. Doch „die Kirche“ bot mir bald keine Heimat und keine Antworten mehr für mein spirituelles Suchen und Sehnen. Die Antworten bekam ich vielmehr von Thich Nhat Hanh, einem vietnamesischen Mönch, Vertreter des engagierten Buddhismus, ebenfalls in der Tradition des „Reine-Land-Buddhismus“, jedoch in der vietnamesischen Ausrichtung. In Kombination mit Zen-Buddhismus betont er die Achtsamkeit auf den gegenwärtigen Augenblick. Für ihn ist das „Königreich Gottes“ mit dem „Reinen Land Buddhas“ identisch, es steht hier und jetzt zur Verfügung, wenn wir es denn sehen und betreten wollen und können. Jahre der Praxis in seiner Tradition lehrten mich, meine eigenen christlichen Wurzeln mit neuen Augen zu sehen und zu würdigen.
Riskant?
„Auf riskantem Weg…“ – so war das Bibliodrama-Seminar betitelt.  Es ging um die spirituelle Praxis des Bibliodramas im christlich-buddhistischen Dialog. Ein Bibeltext (Mt 14, 22-33) und ein Text von einem Vorfahren des Jōdo-shin-shū Buddhismus bildeten den Textraum. Beide Texte handeln von einem „riskanten Weg“, der unausweichlich zum Tode führt, wenn nicht…
Ja, hier scheinen die unterschiedlichen Traditionen verschiedene Lösungen bereit zu halten. Die große Stärke des Bibliodrama ist es, dies erfahrbar, darstellbar, mit eigenem Lebenskontext verknüpfbar zu machen.
Riskant war jedoch auch das Seminar selbst: zwei Texte eröffnen den Textraum – ist es ein großer gemeinsamer Raum, oder sind es zwei Räume, womöglich sogar in verschiedenen Häusern, und die Teilnehmer bewegen sich hin und her und kommen nirgends richtig in bibliodramatischer Tiefe an?
Kann die buddhistische Tradition „auf Augenhöhe“ vertreten werden, wenn kein buddhistisch Praktizierender zur Kursleitung gehört, sondern sie aus evangelischen Theologen besteht?
Gelingt es, die wohlmöglich unbewussten Bedeutungsinhalte zentraler Begriffe der Texte zum Ausdruck zu bringen, um neugierig staunend zur Kenntnis zu nehmen, dass die beiden Traditionen eventuell unterschiedlichen Gebrauch der selben  Worte haben und auch verschiedene Verhaltensoptionen daraus ableiten?
Ein riskantes Projekt also!
Um es vorweg zu sagen: so wie in beiden Texten die Rettung kam bzw. „allen Gefahren entronnen“ das „Westufer“ erreicht wurde, so gelang auch in diesem Seminar der Beginn eines Dialogs in der wunderbaren Sprache des Bibliodramas. Dass am Ende viele Fragen offen blieben und unerfüllte Bedürfnisse sich teilweise in Methoden- und Inhaltskritik ausdrückten, bedeutet nicht, dass dies Projekt misslungen war – im Gegenteil!!!
Wie bei anderen Begegnungen von unterschiedlichen Kulturen, Traditionen und Weisheiten steht am Anfang eines Dialoges die Erkenntnis, wie wenig man voneinander weiß und wie sehr die Selbstverständlichkeit des Eigenen auf unsicheren Füßen steht im Fremden.
Insofern war dies Seminar der erfolgreiche Beginn eines Dialogs.
Unterschiedliche „Sprachcodes“?
Das Bibliodrama-Seminar arbeitete von Anfang an mit vier Grunderfahrungen und den sie begleitenden  Handlungen: „allein sein“, „Angst“, „Mut“, „Rettung“. Es ging um die Entscheidung zum ersten mutigen Schritt auf einem riskanten Weg – mal übers Wasser auf Jesus zu, mal auf einem schmalen Pfad zwischen zwei todbringenden Strömen mit Feuer und Flamme und Wellen und Wogen, auf der Flucht vor Räubern und wilden Tieren.
Was bewegt die Protagonisten, den Entschluss zu fassen und sich auf diesen Weg zu begeben, obwohl dies – vom Verstand her betrachtet – den sicheren Untergang bedeuten wird?
Eine Bibliodrama-Leitung sollte sich selbst und der Gruppe gegenüber ein möglichst unparteiischer „Anwalt“ des Textes sein. Ziel bleibt, einen Text zu erarbeiten, dessen Sinn ernst genommen werden soll. Wie leicht dabei jedoch unreflektierte christlich-theologische „Sprachcodes“ auf einen Text anderer Weisheitstraditionen übertragen werden können, zeigt die Erfahrung in diesem Seminar.
Allein sein, Angst, Mut und Rettung
„Allein-Sein“ wurde von den Teilnehmern im Bibliodrama-Prozess unter zwei Aspekten verstanden: das frei gewählte, heilsame Sich-Zurückziehen und das unfreiwillige Einsam- oder Verlassen-Sein.  Es findet sich auch im Bibeltext in den unterschiedlichen Bedeutungen: Jesus allein auf dem Berg um zu beten; Petrus steigt aus dem Boot und geht auf Jesus zu, verliert die Verbindung zu ihm (ist allein), versinkt und fleht um Rettung.
In der Parabel von den „zwei Strömen“ ist ein Mensch unterwegs „nach Westen“, gerät in Lebensgefahr, bedenkt die Lage für sich und entscheidet sich, „ruhigen Mutes auf dem Pfad vorwärts zu gehen“. Dann hört er ermutigende, aber auch warnende, verführerische Stimmen, geht aber – „dem Pfad Vertrauen schenkend“ – weiter und erreicht „das Westufer allen Gefahren entronnen“. Das Alleinsein wird eigentlich nicht thematisiert.
Angst“ (bzw. Furcht): die Jünger im Bibeltext schreien vor Furcht, weil sie den auf dem Wasser auf sie zukommenden Jesus für ein Gespenst halten. Jesus sagt zu ihnen „Fasst Mut! Fürchtet Euch nicht!“. Petrus geht über das Wasser auf Jesus zu, bemerkt den Wind, bekommt Furcht und fängt an zu ertrinken.
In der Parabel ist die Furcht des Menschen unsagbar groß, weil er in dem Dilemma, in dem er steckt („jede Richtung, die ich einschlage, wird mich umbringen“), nicht weiß wohin. Dann bedenkt er seine Lage: „Wenn ich also in keinem Fall dem Tod entrinnen kann, dann werde ich ruhigen Mutes auf dem Pfad vorwärts gehen.“ – und siehe da: „Zweifel und Furcht sind nicht mehr da“.
Mut“ (bzw. Vertrauen): die Stimme Jesu, seine Aufforderung, Mut zu fassen, beruhigt; Petrus schätzt die Stärke seines Mutes, seines Vertrauens, seines Glaubens als nicht ausreichend und übergibt einen Teil der Verantwortung an Jesus: „Befiehl mir zu Dir zu kommen über das Wasser hin.“. Und als er versinkt, tadelt Jesus ihn: „Kleingläubiger, wozu hast Du gezweifelt?“
In der Parabel geht der Mensch nach klarer Einschätzung der Lage „ruhigen Mutes“, „gefassten Herzens“, „aufrichtigen Herzens“, „ohne Zweifel und Furcht“, „dem Pfad Vertrauen schenkend“ weiter und erreicht „das Westufer“ – denn ihm ist klar geworden: „da ist der Pfad bereits, es muss möglich sein, das andere Ufer zu erreichen.“
Rettung“: Petrus sagt: „Herr, rette mich!“ und Jesus streckt die Hand aus und ergreift (rettet) ihn.
In der Parabel kommt „Rettung“ gar nicht vor. Es gibt keine Rettung: „Wenn ich also in keinem Fall dem Tod entrinnen kann…“ Die Befreiung geschieht, indem der Mensch „dem Pfad Vertrauen schenkend“ ruhigen Mutes trotzdem weiter dem bereits vorhandenen Pfad folgt und den Stimmen, die ihn vom Weg abbringen wollen, keine Beachtung mehr schenkt.
„Es gibt keine Rettung!“
In der Phase der Aktualisierung stellte eine Teilnehmergruppe ein szenisches Spiel zum Thema „Fukushima/Atomenergie“ vor. Die Wahrheit des Leides, das durch die Nutzung der Atomkernspaltung in die Welt gebracht wurde und wird, gipfelte in emotionaler Erschütterung und dem Ausruf „Es gibt keine Rettung!“.
Vor dem Hintergrund des Bibeltextes wirkte diese Aktualisierung auf mich wie die verzweifelte Erkenntnis: Jesus, der Retter, ist nicht mehr da, reicht uns nicht die Hand.
Das Ende der Frohen Botschaft?
Vor dem Hintergrund der Parabel wirkte diese Ausruf auf mich jedoch wie die Erste Edle Wahrheit „Leiden existiert.“. Und der Text geht ganz buddhistisch weiter mit der Dritten und Vierten Edlen Wahrheit: „Es gibt einen Weg zur Überwindung des Leides: den Edlen Achtfachen Pfad.“ Geh diesen im Vertrauen auf den Pfad und Du kannst allen Gefahren entrinnen.
Christlich-buddhistischer Dialog
Das Begriffsquartett „Allein sein“ – „Angst“ – „Mut“ – „Rettung“ als Grunderfahrungen menschlichen Lebens erscheint mir in Bibliodrama-Seminaren meist gedeutet als Erfahrung in Beziehung zu Gott bzw. Jesus. Dass diese Konnotation in buddhistischer Tradition nicht selbstverständlich ist, scheint von christlich-theologisch geprägten Teilnehmern oft schwer nachvollziehbar.
Ich erlebe auch, dass Grundbegriffe und Elemente buddhistischer Praxis in ihrer Bedeutung nicht erkannt und verstanden werden, der Praxis daher wenig Wirkkraft zugetraut wird. Es geht um die Überwindung des Leidens und um (Selbst-) Befreiung von Hass, Gier und Verblendung, nicht um Erlösung oder Rettung durch Gott. Der Weg dazu ist die Achtsamkeit und die Erkenntnis des miteinander Verwobenseins und der gegenseitigen Bedingtheit aller Phänomene – was im Buddhismus mit „Leerheit“ umschrieben wird – leer von einem unabhängig existierenden unveränderlichen Selbst.
Im Seminar war es nötig, zum Textverständnis noch einen buddhistischen Kommentar des Autors hinzuzunehmen (und auch eine Illustration – die jedoch mehr Verwirrung stiftete als zum Verständnis beitrug…).
In dem Kommentar fanden sich jedoch viele Begriffe, die der buddhistischer Tradition in ihrer Bedeutung klar sind, aber in der westlich-dualistischen Denkweise häufig nicht in diesem Sinne verstanden werden: leidvolle Welt, Land von Ruhe und Frieden, Leidenschaft, Begierde, Hass, Gier, die Lehre, das Diesseitige, Samsara, Thatagata, Buddha, Buddha-Land – um nur einige zu nennen.
Hier ist die Notwendigkeit des Dialogs unumgänglich.
Glaube – Erfahrung – Übung
Petrus war derjenige, der die Erfahrung gemacht hat, übers Wasser zu gehen; die Jünger im Boot glauben nur auf Grund dessen, was sie gesehen haben – ihnen fehlt die Erfahrung, und sie fallen vor Jesus nieder und sagen: „Wirklich, Du bist Gottes Sohn!“.
In der Nachempfindung des buddhistischen Textes wurde eine Szene aufgestellt: ein Teil der Gruppe repräsentierte das Flammenmeer, ein anderer Teil die Wogen und Wellen, dazwischen war ein schmaler Pfad markiert. Im Bereich davor lauerten wilde Tiere und Räuber, deren Spiel wirklich furchterregend war und es dem Protagonisten sehr schwer machte, „das Westufer“ zu erreichen. Diese Rolle wurde von verschiedenen Seminarteilnehmern übernommen.
Was erlebte ich als Mensch, der versucht, auf dem schmalen Pfad durch diese Gefahren und Bedrängnisse zu gelangen? Ich machte eine spannende Erfahrung: solange ich versuchte, mich gegen die Räuber und wilden Tiere zu wehren oder vor ihnen zu flüchten, hatte ich keine Chance, zum Pfad zwischen den beiden Strömen zu gelangen (die mit ihrer Bedrohung auf mich warteten!). Als ich jedoch die Augen schloss, tief ein- und ausatmete, mich auf mich und meine Willenskraft, den Pfad zu gehen, konzentrierte, schenkte ich der Bedrohung keine Beachtung mehr und ging – wie mir schien – fast unbehelligt zum anderen Ufer.
Die anderen Teilnehmer, die diesen Weg versuchten, wählten eine andere Strategie: sie kämpften gegen die Bedrohung „schlugen sich durch“, orientierten sich dabei auf das Ziel – die rettende Hand – und versuchten, den Weg möglichst schnell hinter sich zu bringen, um am Ende ein erleichtertes „Gerettet!“ zu fühlen.
Beruht die Heilsperspektive in Dilemma-Situation auf Unterschieden in den Traditionen – oder haben wir nur noch nicht tief genug geschaut, um zu erkennen, dass es die gleiche Sonne ist, die durch alle Kirchenfenster scheint?

 

 

(dieser Artikel wurde u.a. veröffentlich in der Ausgabe 35 der Zeitschrift „TextRaum“ der Gesellschaft für Bibliodrama)